Eine nicht alltägliche WG für junge Leute – Leben mit Behinderung als Erfolgsgeschichte

Wenn die Jahre der Schulbildung sich dem Ende nähern, stehen Schüler und Eltern vor der spannenden Frage, wie es weitergeht. Schließt sich eine Berufsausbildung oder ein Studium an? Wesentlich komplizierter ist es, wenn es sich um Menschen mit Behinderung handelt, im konkreten Fall um eine Form von Autismus. 

Lüder hat 12 Jahre die Förderschule besucht und während dieser Zeit ein Praktikum in den Werkstätten des Epilepsiezentrums Kleinwachau durchgeführt, was ihm sehr viel Freude bereitet hat. Es wäre für ihn optimal, in dieser Einrichtung auch seine ersten Schritte in die Arbeitswelt zu gehen. Doch so einfach war es nicht. Einige Hindernisse mussten erst noch aus dem Weg geräumt werden, bis er den ersehnten Platz endlich bekommen hat. Ein Taxi holt ihn seitdem täglich 8:30 Uhr ab und fährt ihn nach Wachau, gegen 15:00 Uhr wird er wieder nach Hause gebracht. 

Doch Lüder benötigt Betreuung rund um die Uhr. Seine Eltern sind das seit seiner Geburt gewöhnt, mit allen Einschränkungen. Jahrelang war es beispielsweise nicht möglich, gemeinsam ins Konzert zu gehen, Freunde zu besuchen oder in den Urlaub zu fahren. 

Lüders Volljährigkeit rückte immer näher, das Thema Arbeit war geklärt, doch das Thema Wohnen noch nicht. Die Eltern schauten sich die verschiedensten Wohnstätten bzw. -gemeinschaften an, merkten aber ziemlich schnell, dass solche Institutionen nicht in Frage kommen. Es sind große Gruppen bzw. Häuser und es besteht eine erhebliche Reizoffenheit, völlig ungeeignet für autistische Menschen. 

Eines Tages kam den Eltern die geniale Idee, die obere Etage ihres Wohnhauses für Bewohner mit Behinderung umzubauen und selbst ins Erdgeschoss zu ziehen. Diese Idee wurde sofort in die Tat umgesetzt. Nun ging es darum, einen freien Träger der Behindertenhilfe zu finden, der die Pflege übernimmt und zudem geeignete Mitbewohner. Ein Träger in Dresden konnte bald gewonnen werden und im April 2024 startete das erste Wohnprojekt mit vier Jugendlichen. 

Nach einiger Zeit wurde allerdings allen Beteiligten klar, dass unterschiedliche Ansichten bezüglich des individuellen Bedarfs der Bewohner, organisatorischen Details und finanziellen Aspekten existieren und keine für alle Seiten befriedigende Lösungen in Sicht sind. Eine Trennung vom Träger und den Mitbewohnern war unvermeidlich und erfolgte Anfang diesen Jahres. Doch wie sollte es weiter gehen? Dann kam Anke ins Spiel. Sie ist als Sozialpädagogin in der Autismusambulanz der Universitätsklinik Dresden tätig, kennt Lüder schon seit seinem 3. Lebensjahr und hat die Familie schon beim ersten Wohnprojekt unterstützt. Sie erzählte den Eltern von dem sogenannten Arbeitgebermodell. Dabei werden sie selbst zum Arbeitgeber für die Angestellten der WG. Der Vorteil dabei ist, dass die Gelder nach eigenem Ermessen und direkt für den Bedarf der behinderten Menschen eingesetzt werden können. Der Verwaltungsaufwand bleibt auf ein Minimum beschränkt, womit dieses Modell sogar wesentlich kostengünstiger ist. 

Ein Teil der bisherigen Angestellten konnte für dieses neue Wohnprojekt gewonnen werden, mittlerweile sind es insgesamt fünf. Hinzu kommen noch drei geringfügig Beschäftigte. Dabei ist die Qualifikation gar nicht so wichtig, im Vordergrund stehen Hingabe und Freude an der Arbeit. Robert zum Beispiel ist diplomierter Kunstmaler. Um den Bewohnern den Alltag zu erleichtern, werden sie dauerhaft durch Wohnassistenten begleitet, die beispielsweise beim Zähneputzen und Kochen unterstützend zur Seite stehen. Sie sind ein grundlegender Bestandteil der WG. Anke ist die Chefin. Sie ist zwar hauptberuflich nach wie vor an der Universitätsklinik beschäftigt, betrachtet diese Wohnform aber als ihr „Herzensprojekt“. Mit jedem Wort merkt man ihr die Begeisterung dafür an. Da spielt es für sie keine Rolle, dass eine 40-Stunden-Woche weit überschritten wird. Die WG hat sich allerdings verändert. Lüder hat mit Noah einen neuen Mitbewohner bekommen. Ende Oktober kam noch Johann dazu. Wieder wurde großen Wert darauf gelegt, dass die Charaktere miteinander harmonieren. 

Es ist die Idealvorstellung des gesamten Teams und der Eltern von einem Leben mit Behinderung, welches einem „normalen“ Leben möglichst nahe kommen sollte. Das heißt, man kocht gemeinsam, zeigt sich ohne Scheu in der Öffentlichkeit: geht einkaufen, ins Kino, ins Konzert oder macht Ausflüge mit dem Therapiefahrrad. Auf dem Grundstück gibt es Hühner, für die alle verantwortlich sind und ein Hochbeet zur gemeinsamen Nutzung. Kürzlich verbrachten die Bewohner mit dem Team einen gemeinsamen Kurzurlaub in der Sächsischen Schweiz. Es wurde gewandert, am Lagerfeuer musiziert, ins Schwimmbad gegangen und in einem Bauwagen übernachtet. 

Schon nach einem dreiviertel Jahr zeigt sich, dass diese individuelle Wohnform für die Entwicklung von Lüder positive Auswirkungen hat. Er entdeckt zunehmend die Sprache als Kommunikationsmittel, lernt viel von seinem Mitbewohner Noah und orientiert sich an ihm, sein Ehrgeiz ist geweckt und er macht Fortschritte in vielen Bereichen. Umgekehrt versteht Noah ihn immer besser und dient als „Sprachrohr“ für das Team und die Eltern. Dieses Projekt ist sachsenweit bisher einzigartig und sollte allen Menschen in ähnlichen Situationen, wie Lüders Familie, Mut machen. Um den Bekanntheitsgrad zu erhöhen, ist sogar eine eigene Webseite im Entstehen. Geplant ist außerdem, quartalsweise einen sogenannten Begegnungstag stattfinden zu lassen, wozu alle Interessierten herzlich eingeladen sind. 

Ein Leben mit Behinderung als Erfolgsgeschichte, die noch nicht zu Ende erzählt ist… 

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